Ikonische Meisterwerke  

Unmittelbarkeit und Energie  

 

Boris Giltburg spielt beim Klosters Music am 8. August mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen das bekannte 1. Klavierkonzert in b-Moll von Tschaikowsky. Georg Rudiger hat ihm ein paar Fragen gestellt.  

Ihre Grossmutter und Ihre Mutter sind Pianistinnen. Die beiden wollten nicht, dass Sie im Alter von fünf Jahren Klavier lernen.

Meine Mutter wollte überhaupt nicht nicht, dass ich ein Instrument spiele! Sie hielt das Leben eines Musikers für zu schwierig und herausfordernd und war der Meinung, ich sollte etwas anderes aus meinem Leben machen. Ich habe Sie dann weniger überzeugt als eher einfach wochenlang genervt, bis sie nachgab und anfing, mich zu unterrichten.

Das diesjährige Motto von Klosters Music ist Ikonen. Welcher Komponist ist für Sie eine Ikone?

Die grösste Ikone für mich – und wahrscheinlich mein zweitliebster Komponist – ist Beethoven. Er hat nicht nur die Möglichkeiten des Instruments oder der harmonischen Sprache erweitert, sondern auch unsere Vorstellung davon, wie grenzenlos kraftvoll Musik sein kann. Auch wie sie die tiefsten Gefühle einer einzelnen menschlichen Seele aufzeigen und gleichzeitig die gesamte Menschheit umfassen kann. Und das alles unter Verwendung einer musikalischen Sprache, die letztlich klar und zugänglich ist. Wir sind so an Beethoven gewöhnt, dass wir manchmal übersehen, wie unglaublich er eigentlich war!

Bei Klosters Music spielen Sie das 1. Klavierkonzert von Tschaikowsky, das zu den meistgespielten Konzerten überhaupt gehört. Warum wurde diese Konzert Ihrer Meinung nach zu solch einer Ikone des Repertoires?

Es mag seltsam klingen, aber alles, was ich gerade über Beethoven gesagt habe, trifft auch auf Tschaikowskys 1. Klavierkonzert zu, obwohl es sich um eine völlig andere musikalische Welt handelt. Es ist ungemein kraftvoll, sowohl in seiner Klangwelt als auch in seiner emotionalen Wucht. Die Musik spiegelt die Freuden und Leiden jeder menschlichen Seele auf höchst aufrichtige und ungekünstelte Weise wider und präsentiert zugleich einen grossen dramatischen Spannungsbogen, der sich durch das gesamte Stück zieht. Die Musik ist durchweg von Unmittelbarkeit und Energie geprägt – kein einziger Moment ist halbherzig. Dazu die äusserst wirkungsvolle Klavierpartie. Und all dies wird in einer musikalischen Sprache präsentiert, die zugänglich, schön, eingängig und unterhaltsam ist – mehr kann man sich wirklich nicht wünschen! 

Was gefällt Ihnen persönlich an diesem Klavierkonzert? Und was möchten Sie in Ihrer Interpretation herausstellen?

Ich habe mich in dieses Werk verliebt, weil die Reinheit von Tschaikowskys Seele und die Aufrichtigkeit seiner Gefühle in jeder Note und jeder Phrase zum Ausdruck kommen. Das ist für mich die grösste Kraft des Konzerts, viel mehr als die Bravourpassagen. Das Werk fordert dem Pianisten durchaus viel ab, aber ich denke, die Aufmerksamkeit sollte idealerweise nicht zu sehr auf seinem pianistischen Können liegen. Das Gleiche gilt für die Zusammenarbeit mit dem Orchester. Die Klavierpartie ist zweifellos brillant und muss auch so klingen, wenn es erforderlich ist, aber das Orchester ist so viel mehr als nur ein begleitender Hintergrund oder eine Kraft, gegen die man ankämpfen muss!

Zu Beginn liegt das Thema ja in den Streichern.

Wir alle kennen die mächtigen Akkorde, die das Klavier gegen die Melodie der Streicher spielt. Aber das war überhaupt nicht Tschaikowskys ursprüngliche Absicht! In der ersten Fassung sind die Akkorde arpeggiert und werden viel leiser gespielt, passend zur Mezzoforte-Dynamik der Streicher. Erst später, wenn das Thema nach einer dramatischen Klavierkadenz wiederkehrt, hören wir ein glorreiches Tripel-Forte von allen. Alexander Siloti jedoch, der Tschaikowsky bei der Überarbeitung des Konzerts half, war der Meinung, dass diese Struktur den Solisten von Anfang an nicht ausreichend zur Geltung brachte, und schlug daher die heute berühmten stählernen Fortissimo-Akkorde vor, die Tschaikowsky übernahm. Ich bevorzuge in diesem Fall die Originalfassung und spiele sie auch – sie ist viel reiner, ergibt musikalisch mehr Sinn und bringt Klavier und Orchester zusammen, anstatt sie gegeneinander auszuspielen.

Sie spielen zusammen mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Edward Gardner. Kennen Sie das Orchester und den Dirigenten?

Es ist meine erste Zusammenarbeit mit Edward Gardner, und ich freue mich schon sehr darauf. Ich habe aber tatsächlich schon einmal mit dem Orchester gespielt – beim letzten Mal haben wir Schostakowitschs 1. Klavierkonzert aufgeführt. Ich erinnere mich noch lebhaft an die unglaubliche Energie, Leidenschaft und das Engagement. Und das alles mit äusserster Präzision und Schwung! Ich kann es kaum erwarten, nun die Interpretation von Tschaikowsky mit den Orchestermusikerinnen und –musikern zu entdecken.

Tschaikowsky hat sich oft aufs Land zurückgezogen, um komponieren zu können. Sie spielen zum ersten Mal in Klosters in den Bündner Alpen. Beeinflusst es Ihr Spiel, wenn der Konzertort mitten in der Natur ist?

Vielleicht nicht direkt, aber in einer so wunderschönen Umgebung lässt man sich einfach inspirieren! Ich habe tatsächlich schon einmal im Jahr 2020 in Klosters gespielt und erinnere mich noch gut an das Gefühl der Ehrfurcht, das die Berge rund um Klosters hervorrufen. Und auch Tschaikowskys Musik erinnert so oft an die Natur – man denke nur an den Anfang des zweiten Satzes!

Worauf freuen Sie sich bei diesem Konzert?

Ich freue mich auf alles! Auf die herrliche Musik, auf die tolle Zusammenarbeit mit passionierten Kolleginnen und Kollegen und auf ein paar Tage in einer der schönsten Ecken Europas.

 

Zum Konzert mit Boris Giltburg